Eine Kultur des Erwachens
Von Karl Riedl
Auf die Frage einer Reporterin der Zeitschrift „Elle“: „Könnten Sie sich vorstellen, wieder ein normales Leben zu führen?“, konnte Thay nur antworten: „Ich führe ein normales Leben! Ich weiß nicht, was Sie für eines führen.“
Dieser kurze Dialog zeigt in sehr prägnanter Weise die grundlegende Problemsituation, das Dilemma auf, in der sich die meisten Menschen befinden, die sich einem spirituellen Weg und Leben zuwenden. Sie sind „Wanderer zwischen den Welten“, erleben sich als „zwischen den Stühlen“ zweier verschiedener, scheinbar unvereinbarer Lebenseinstellungen – der materiellen und der spirituellen.
Es scheint, um da herauszukommen, nur die Möglichkeit zu geben, „allem Weltlichen zu entsagen“, in die „Hauslosigkeit zu gehen“, d.h. den monastischen Weg zu gehen oder sich darauf zu beschränken, dem „normalen“ Leben einen spirituellen „touch“ zu geben.
Spiritualität als weitere – wenn auch „edlere“ – Beschäftigung wird in das „normale“ Leben eingebaut – ohne dieses jedoch in Frage zu stellen oder grundlegend zu ändern.
Es gibt jedoch einen dritten, einen „mittleren“ Weg, der von vielen Weisen und spirituellen Lehrern – in ganz herausragender Weise von Thay – aufgezeigt und vorgelebt wird: ein spirituelles Leben zu führen inmitten der Welt. Das ist ein Leben – vielleicht besser ein Lebensstil – das auf Bewusstheit, Achtsamkeit, Verständnis und Mitgefühl gebaut ist, in der Geistesoffenheit, emotionale Stabilität, innere Ruhe und Festigkeit, Gelassenheit und Freude erstrebenswerte und realisierte menschliche Eigenschaften sind.
Ich möchte diese Lebensform „Kultur des Erwachens“ nennen.
Nach meinen Beobachtungen und meiner Erfahrung, vor allem seitdem ich in Deutschland lebe und lehre, bedarf es dazu dreier vorbereitender Schritte, um überhaupt eine „Kultur des Erwachens“ zu ermöglichen.
Erstens: Wir müssen tiefgründig akzeptieren und realisieren,
dass das, was wir in unserem Lebensstil und unseren Denk- und Verhaltensweisen als „normal“ bezeichnen, nichts anderes heißt, als „gewohnt“ – bezogen auf uns selbst – und „abgesprochen“ – bezogen auf unseren sozialen Kontext.
„Normal“ ist örtlich und zeitlich definiert und begrenzt. Das heutige „Normale“ war gestern noch nicht einmal bekannt und ist morgen veraltet und wird durch ein anderes „Normales“ ersetzt. Was für den Deutschen „normal“ ist, existiert für den Inder erst gar nicht – und umgekehrt.
Unreflektierter, mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragener Kulturkonformismus („das tut man…“) und Persönlichkeitskonformismus („ich bin nun mal…“) sind die gravierendsten Hindernisse für das Entstehen einer „Kultur des Erwachens“. Sie sind nicht nur Ausdruck eines Geistes, der unwillig ist, sich für Neues, Anderes zu öffnen.
Sie kultivieren darüber hinaus auch Rechthaberei und Aggression. Nach meiner Beobachtung wird „normal“ immer mit „richtig“ gleichgesetzt. „Normal“ ist der Maßstab für „unnormal“. Alles „Andersartige“ wird argwöhnisch betrachtet, beurteilt und eventuell abgelehnt und sogar bekämpft.
So müssen wir für uns selbst, in unseren Familien und Gemeinschaften immer wieder das Bewusstsein um das Relative von Kulturen und Verhaltensweisen wachhalten, um das „Tor der Willigkeit zur Veränderung“ überhaupt zu öffnen und offen zu halten.
Zweitens: Jetzt sind wir bereit dazu, ohne spontan in ängstliche Verteidigung zu verfallen,
unseren Blick dafür zu öffnen, dass erhebliche Teile unseres Lebensstils automatische, unreflektierte, spontane Verhaltensweisen fördern. Ständig beschäftigt zu sein, keine Zeit zu haben, Stress und Konsumismus werden als „normal“ betrachtet. Streben nach Anerkennung und Macht und, dadurch bedingt, Wettkampf und Neid sind „normale“ Verhaltensweisen.
Wir müssen den offenen Geist des Fragens, des Erforschens, der Neugierde kultivieren: „Ist das, an was ich glaube, was ich tue, wie ich mich verhalte, wirklich für mich und andere gut, gesund und förderlich in dem Sinne, dass es zu Wachheit, Ausgeglichenheit und Frieden führt? Wenn nicht, was muss ich tun, bzw. ändern, um wenigstens in diese Richtung zu gehen?“
Um in einem Vergleich von Thay zu bleiben, gilt es, den „Baum der Kultur“ – damit ist auch die Kultur der eigenen Persönlichkeit gemeint – durchzulüften, da, wo es nötig ist, zu beschneiden, das Kranke herauszuschneiden, damit das Gesunde wieder Luft und Raum zum Wachsen hat.
„Bin ich ein zufriedener, freier Mensch; sind wir eine glückliche, harmonische Familie/Gemeinschaft?“ Das ist die Frage und Kontemplation auf dieser Ebene, der des Suchens und Erkennens der „geschickten Mittel“, die einer „Kultur des Erwachens“ förderlich sind.
Drittens: Jetzt gilt es, die so erkannten und eventuell neuen oder bisher nur wenig ausgeübten Verhaltensweisen umzusetzen
und im täglichen Leben anzuwenden. Es ist zwar die Ebene der Praxis, aber das wesentlichste Kriterium dieser Ebene ist vielmehr, jetzt den Mut zu haben, ja, das Risiko einzugehen, anders zu sein. Nicht nur anders für sich selbst, sein eigenes Image zu hinterfragen und zu durchbrechen, sondern vor allem anders zu sein als die anderen Familienmitglieder, die Nachbarn, die Kollegen.
Anders zu sein als die Anderen, ist für viele ein schier unüberwindbares Hindernis. „Wie gut, dass uns hier niemand sieht, wenn wir so langsam hintereinander hergehen“ – ist der oft gehörte Kommentar nach der Gehmeditation. Anders zu sein, sich anders zu verhalten und anders zu denken, ist nicht nur eine traumatische Vorstellung für alle, die süchtig nach Anerkennung sind, sondern es berührt tiefe, existentielle, kollektive Ängste in uns. Es ist die über Tausende von Generationen wachgehaltene Angst vor Fremdem als etwas Zerstörendem, Existenzbedrohendem. Es ist die Angst, als Fremder nicht anerkannt, ausgestoßen und damit in der Existenz bedroht zu sein. Wir versuchen, dem zu begegnen, indem wir uns mit „Gleichgesinnten“ zusammentun (da denken noch mehr so wie ich), oder indem wir sicherstellen, dass das, was wir tun, von der Gesellschaft anerkannt wird.
Ich möchte an dieser Stelle einen neuen Ansatz vorstellen und zur Kontemplation anbieten. Ich selbst denke und lebe so. Ich habe ihn am eindrücklichsten in Nelson Mandelas Aufsatz „Unsere tiefste Angst“ (Inaugural speech, 1994) gefunden:
„Es ist nichts Erleuchtetes daran, uns klein zu machen, nur damit andere sich in unserer Gesellschaft nicht verunsichert fühlen. Wir sind geboren, um das Licht Gottes, das in uns ist, sichtbar werden zu lassen. Und dieses Licht ist nicht nur in einigen von uns, es ist in jedem von uns! Sobald wir unser Licht scheinen lassen, geben wir unbewusst anderen die Erlaubnis, dies auch zu tun.“
„There is nothing enlightening about shrinking, so that other people won’t feel unsure around you. We are born to make manifest the glory of God, that is within us. It is not just in some of us; it is in everyone. As we let our own light shine, we unconsciously give other people permission to do the same.”
Wir müssen lernen, unsere Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit zu würdigen, sie so wie die verschiedenen Facetten eines Kristalls, als die unterschiedlichen Manifestationen des menschlichen Geistes zu betrachten, und aus allen das Beste und Wirkungsvollste für die weitere Entwicklung der Menschheit herauszufiltern.
In diesem Prozess – hier kurz als drei vorbereitende Schritte skizziert – des Sich Öffnens und Ausrichtens des Geistes hin zu einer „Kultur des Erwachens“, brauchen wir andere Menschen, die uns inspirieren, unterstützen, im geistigen Austausch Einsicht ermöglichen, Wegbegleiter und ermutigendes Vorbild sind. Wir brauchen Menschen, die sich wie wir dem Automatismus, dem unbewussten, ungesunden gesellschaftlichen und persönlichen Verhalten stellen und sich zu freien und bewussten Menschen hinentwickeln wollen. Wir brauchen Menschen, die wie wir ein erwachtes Leben führen wollen. Wir brauchen eine Sangha, wir brauchen „conscious company“. In ihr sind die folgenden Aspekte verwirklicht:
- Die Motivation, den Weg in Richtung einer bewussten und erwachten Gesellschaft zu gehen.
- Durch gemeinsame Reflektion die unbewussten und unbewusst machenden, ungesunden Elemente der bestehenden Gesellschaft aufzudecken und nach „geschickten Mitteln“ in Richtung Bewusstwerdung und Befreiung suchen.
- Diese Mittel, Wege und neuen Verhaltensweisen auf ihre Umsetzbarkeit überprüfen, sie anzuwenden und sich darin zu unterstützen.
- Schließlich ein Leben in Bewusstheit, Achtsamkeit, Ausgeglichenheit und geistiger und emotionaler Stabilität zu leben und damit für andere Menschen Vorbild zu sein.
In jeder Sangha sollten diese Aspekte deutlich sein – wenn auch in der Realität wohl meistens – leider – auf ein in der Ferne lebendes Vorbild zurückgegriffen werden muss. Jede Sangha sollte sich daraufhin überprüfen: Haben wir eine gemeinsame Vision? Wie sieht die aus? Ist unser Austausch lebendig und offen, unser Bemühen echt und engagiert? Oder versuchen wir, gefahrlos im Windschatten der Gesellschaft zu segeln, sind eigentlich mehr Freundschaftsclubs, bestenfalls Studienkreis? Sind wir wirklich eine Sangha, und was bedeutet das für uns?
Der Weg hin zu einem bewussten Leben bedingt und bewirkt eine tiefgreifende Veränderung unserer Verhaltensweisen und Denkmuster. Dieser Prozess ist natürlich umso intensiver, je mehr wir einem Leben in Bewusstheit ausgesetzt sind, d.h. ständig in einer praktizierenden Gemeinschaft leben.
Ich möchte an dieser Stelle jedoch sehr deutlich ausdrücken, dass Praxiszentren – so wie das Intersein-Zentrum eines ist – nur gelebtes Vorbild, gesunde Zelle und „Trainingslager“ sind und sein dürfen!
Ja, wir lieben und genießen unser Leben in Achtsamkeit. Aber wenn Menschen, die mit uns leben, nicht bewusster, freudiger und vertrauensvoller von uns gehen, wenn wir ihnen nicht Kraft und Mittel mitgeben, ihrem Alltag mit mehr Gelassenheit und Verständnis zu begegnen, haben wir unsere Aufgabe nicht erfüllt.
Wir wollen durch unser gelebtes Vorbild die Lampe der Achtsamkeit in anderen Menschen anzünden und ihnen helfen, sie in ihr „Alltagsleben“ zu bringen. Unsere Erfahrung zeigt uns, dass das möglich ist. Denn die Sangha muss die Familie, der Freundes- und der Kollegenkreis werden und sein.
Wenn das, aus welchen Gründen auch immer, zur Zeit nicht möglich ist – wenn nicht einmal der erste Aspekt angesprochen werden kann – dann haben ehrlich engagierte Praktizierende die umso schwierigere Aufgabe, Vorbild, emotionale Stütze und ruhender Pol für Familie, Freunde und Kollegen zu sein.
Die Menschheit braucht keine „Buddhisten“ – im Sinn von Vereinsmitgliedern – sondern Buddhas – so hat es Sister Chan Khong einmal auf den Punkt gebracht.
Jeden Morgen, wenn vor der Meditation der Satz rezitiert wird: „Es ist ein neuer Tag, erwacht werde ich ihn leben. Die Sonne der Weisheit wird überall erstrahlen“, ist das für mich Inspiration, Erinnerung, Gewissheit für Vision und Weg.
Wenn wir gemeinsam diese Vision im Herzen tragen – wird sie sich auch manifestieren.