Eine klare Ausrichtung
Der tiefe Wunsch, in Frieden miteinander zu leben
Aus einem Vortrag von Karl Riedl im Familienretreat
Thây ist in einem kleinen Dorf ca. zwanzig, dreißig Kilometer entfernt von Hue in Zentralvietnam groß geworden. Vor einigen Jahren haben Helga und ich dieses Dörfchen gemeinsam mit Thây besucht. Einige wenige Häuschen mitten in den Reisfeldern, eine Schule und ein kleiner buddhistischer Tempel.
Als Thây zehn Jahre alt war, bekam er zufällig ein buddhistisches Magazin in die Hand, auf dessen Titelseite ein Gesicht abgebildet war. Der kleine Junge wusste wohl, dass es einen Buddha darstellen sollte. In dem Moment, als er das Bild sah, war er tief berührt und in ihm entstand ein immenser Wunsch: So möchte ich sein. So friedvoll, so in mir ruhend.
Er hat all diese Qualitäten gespürt und in ihm ist etwas entstanden, das wir alle kennen: Wir nennen es Motivation, wir nennen es Ausrichtung.
Doch für die meisten von uns hat das nicht diese Qualität. Meistens ist es nur ein Wunsch: Ach, wäre das schön! Doch für diesen zehnjährigen Jungen war das eine ganz klare Ausrichtung: So möchte ich sein. Und so ist er geworden. Das ist ganz einfach, eigentlich nichts Besonderes. Es gibt sehr viele Beispiele von Menschen, die an irgendeinem Punkt ihres Lebens, meistens sehr früh, sagten: So möchte ich sein, das möchte ich machen. Und sie haben es verwirklicht.
Das, was wir wirklich wollen, wo wir ganz dahinterstehen, werden wir irgendwann leben. Dieser Wunsch zeigt uns auf, was wir machen müssen und wie wir es machen müssen. Wir brauchen keine großen Vorgaben. Es entwickeln sich die Dinge, die man tun kann und muss, um dorthin zu gelangen.
Menschliche Qualitäten entwickeln
Damit meine ich natürlich nicht das Erlangen von, nennen wir es einmal, „äußeren Zielen“: Reichtum, Ruhm, Ansehen und ähnlichem.
Thây ist nicht mit dem Gedanken angetreten: Eines Tages werde ich ein großer, berühmter, spiritueller Lehrer mit Tausenden von Schülern sein. Da sind die meisten von uns zum Teil extrem fehlorientiert, extrem außenorientiert. Wir tun unglaublich viel dafür und wir sind ständig frustriert, weil wir diese Dinge nicht erreichen.
Denn sie sind von äußeren Faktoren abhängig, von den Umständen, in denen wir leben, von anderen Menschen. Sie liegen letztlich außerhalb unserer Kontrolle.
Doch niemand und nichts kann uns daran hindern, die zutiefst menschlichen Qualitäten in uns zu entdecken und zu fördern: verständnisvoll zu sein, würdevoll, friedvoll, wohlwollend, geistige und emotionale Stabilität zu haben und so weiter. Wenn wir das einmal ganz tief in unserem Wesen begreifen würden, dass es das ist, wo wir alle unsere Energie hinein geben möchten, dann wären wir auf einem sicheren Pfad, dann könnte uns nichts davon abhalten.
In Frieden und Harmonie leben
Als ich im Herbst 1992 nach Plum-Village kam, war einer der ersten Sätze, die ich von Thây hörte: „Unsere Praxis heißt, mit anderen Menschen in Frieden und Harmonie zusammen zu leben“.
Da wusste ich: Hier gehöre ich hin, das möchte ich lernen.
Ist das ein Satz, der auch uns ganz tief anspricht, der etwas bei uns in Schwingung versetzt?
Wenn das nicht unsere grundlegende gemeinsame Ausrichtung ist, haben wir es in Partnerschaften, in Familien, in Gemeinschaften sehr schwer. Jedoch stellen wir in unserem täglichen Zusammenleben immer wieder frustriert und ernüchternd fest, dass das bei aller Willigkeit von unserer Seite schier unmöglich erscheint. Es ist offensichtlich eines dieser „äußeren Ziele“: „Ich bin ja grundsätzlich bereit und willig, wenn nicht der andere …“
Wo ist das Problem, was können wir tun?
Wenn wir genau hinschauen, hat jeder von uns seine eigenen Vorstellungen von Frieden und Harmonie und damit auch, wie man das erlangen kann. Jeder von uns lebt in seiner Welt der Vorstellungen, der Meinungen, der Überzeugungen, der Begriffe. Aber den Wenigsten von uns ist deutlich, dass wir das übernommen haben – von unserer Kultur, unseren Eltern, unserer speziellen Umgebung, in der wir groß geworden sind. Dass wir das in unserer eigenen, persönlichen Geschichte entwickelt haben. Selten hinterfragen wir bewusst unsere Vorstellungswelt, merken nicht, wie das Meiste diffus ist und wie wir damit die Vorstellung von „richtig“ und „falsch“ verbinden.
Tiefes Zuhören und achtsames Sprechen
Wir sollten sehr klar und nüchtern sehen, dass es völlig normal ist, dass wir in weiten Bereichen die Dinge unterschiedlich sehen. Wir sind unterschiedlich erzogen, wir haben anderes gelernt, wir haben andere Empfindlichkeiten. Damit können wir es jedoch nicht stehen lassen.
Der erste Schritt in die richtige Richtung heißt, dass wir uns zusammensetzen müssen, um uns so klar wie möglich darüber auszutauschen, was wir, jeder für sich, für Einstellungen haben. Wie oft höre ich von Partnern, von Eltern, in Gemeinschaften: „Wir hatten eigentlich geglaubt, wir verstehen uns so weit ganz gut. Doch jetzt, hier, stellen wir fest, dass wir anderer Meinung sind. Der eine sieht das so und der andere so.“
Spätestens jetzt sollten wir uns zusammensetzen, das tiefe Zuhören und den bewussten, achtsamen Austausch miteinander pflegen. “Wie sehe ich das, wie siehst du das?“ Das ist, wie gesagt, der erste Schritt in die richtige Richtung.
Mit nur ein wenig Bewusstsein und Klarheit werden wir dann etwas sehr Erstaunliches feststellen, dessen tiefe Realisierung womöglich ein Leben lang praktiziert und vertieft werden muss: Wir alle, du und ich, sind in unserem Denken und Handeln lediglich das Ergebnis einer langen Kette von Erfahrungen und Einstellungen, die uns von unseren Vorfahren übertragen worden sind. Wir reagieren auf unsere Umwelt in eben dieser gelernten, konditionierten Weise. Sowohl du als auch ich. Dieser Blick gibt uns schon gegenseitig Raum, gibt uns die Chance, das Persönliche, die Vorstellung vom „Bewussten, Persönlichen“ herauszunehmen.
Welche Muster haben wir?
Ich weiß, wie schwer das ist. Und deswegen ist es das Wichtigste und Einfachste, bei uns selbst damit zu beginnen. „Was habe ich denn gelernt, wie es sein soll? Höre ich in bestimmten Situationen die Stimmen meines Vaters, meiner Mutter und was sie mir beigebracht haben? Erinnert mich das an eine Situation aus meiner Vergangenheit? Und verhalte ich mich so wie damals oder so, wie ich mich damals entschieden habe, mich von nun ab zu verhalten?“
Hier beginnt unsere eigentliche spirituelle Praxis: die Achtsamkeit auf den eigenen Geist. Ich sehe, was in meinem Geist passiert, wie ich eine bestimmte Situation mit meiner Vorstellung, wie es zu sein hat oder nicht zu sein hat vergleiche und wie sich daraus spontan eine entsprechende Reaktion entwickelt. Das alles so klar sehend, habe ich das erste Mal die Freiheit, nicht mehr in meiner gewohnten Weise zu reagieren. In diesem Moment kann ich mich zurücknehmen, kann zurücktreten und mich der Situation und den anderen Menschen gegenüber öffnen. Das ist der erste große Schritt in die Freiheit. Dahin führt mich mein Wunsch, mit anderen Menschen in Frieden und Harmonie zusammen zu leben.
Jetzt, in dieser Offenheit und Klarheit, können wir das erste Mal in wahre Kommunikation treten. Da ist kein Kampf über „richtig“ und „falsch“, kein überzeugen wollen, sondern eine ganz tiefe partnerschaftliche Beziehung. Jetzt sehen wir, wie verschiedene Sichten notwendig sind, um verschiedene Aspekte aufzuzeigen. So weiten wir den Blick für das Leben. Der Austausch hilft uns zu sehen: So kann man es auch machen, so kann man das auch sehen, da wäre ich von allein, aus meiner engen, konditionierten Sicht heraus, nicht drauf gekommen. Wir brauchen andere Menschen, wir brauchen die Kommunikation und den Austausch, um unsere Sicht zu weiten.
Deshalb ist das Zusammenleben, die Familie, so wichtig. Da können uns besonders unsere Kinder helfen, uns immer wieder aufzuzeigen, wo wir stehen und wo wir festhängen. Dann haben wir die große Chance, zurückzutreten, die ganze Situation mit mehr Intelligenz zu sehen und uns anders zu verhalten. Verständnisvoller, liebevoller, mitfühlender, friedvoller. Von dort aus finden wir gemeinsam zu neuen, realistischeren Verhaltens- und Vorgehensweisen.
Wir finden gemeinsam neue Wege, miteinander mit Verstehen und Wohlwollen in Frieden zusammenzuleben.