Es ist ein neuer Tag – erwacht werde ich ihn leben
Von Karl Riedl
Mit dieser Ausrichtung, diesem Vorsatz, beginnen wir unseren Tag und sind den ganzen Tag hindurch mit ihm verbunden, erinnern uns immer wieder an ihn.
Denn „neu“ wird dieser Tag wohl nicht sein. Es ist immer noch die gleiche nervige Fahrt zur Arbeit, immer noch das gleiche Büro und es sind immer noch die gleichen Kollegen. Es wird wieder genügend „Altes“ geben, wir werden wahrscheinlich die meisten Situationen so wie immer angehen, werden uns wohl meistens aus Gewohnheit, Automatismus und Routine heraus verhalten.
Und dennoch – jeder Tag ist eine neue Chance, ihn anders zu leben und zu erleben: „erwachter“, das heißt, wacher, präsenter, bewusster.
Die Betonung liegt hier auf „bewusster“, nicht „achtsamer“. Während mit dem Begriff „achtsam“ ein „auf etwas achten“, eventuell sogar „aufpassen“ mitschwingt und damit ein Ziel, eine geistige Ausrichtung verbunden ist, verweist der Begriff „bewusst“ auf einen gehobenen, wachen und „wissenden“ Geisteszustand. Buddha hat dafür den Begriff „sati“ verwendet und in vielen Sutren seine verschiedenen Aspekte ausführlich beschrieben.
Der erste Aspekt ist dieses „da sein“, die Gegenwärtigkeit, das Erleben von präsent sein, bewusst sein. Der bekannte Neurowissenschafter und Bewusstseinsforscher Antonio Damasio hat geschrieben: „Bewusstsein ist die besondere Funktion des Geistes, die uns erlaubt, zu wissen, zum Beispiel, dass wir selbst existieren und dass Dinge um uns herum existieren.“
Dazu ist es notwendig, in unserem konditionierten und automatischen Lauf innezuhalten, zurückzutreten, um sehen zu können, was ist. „Wir halten inne, um einfach da zu sein, um mit der Welt und uns selbst zu sein. Wenn wir fähig zum Innehalten sind, beginnen wir zu sehen“ – schreibt Thây in „Ich pflanze ein Lächeln.“
Es ist der feststellende, einfach konstatierende Aspekt des Bewusstseins: da ist, jetzt ist. Das ist unsere tägliche Grundübung, immer wieder, immer wieder innezuhalten und zurückzutreten. Grundlage für die nächsten Schritte. Damasio schreibt dazu: „Bewusstsein ist der Schlüssel zum gelebten Leben.“ Ja, es ist der Schlüssel zur Tür, die in die Freiheit führt. Aber nur der Schlüssel, nicht die Tür.
Und damit kommen wir zum zweiten Aspekt.
Buddha vergleicht diese Übung von sati mit dem Erklimmen einer erhöhten Plattform oder eines Turmes. Während die erste Übung von sati durchaus mit einem ausgerichteten, eventuell sogar engen Blick verbunden ist, geht es jetzt darum, den Blick zu weiten. Durch das Zurücktreten entsteht ein innerer Abstand, ein ruhiges und abgelöstes Beobachten, um damit einen Überblick über das gesamte Geschehen zu erhalten. Es ist die grundlegende Fähigkeit eines jeden Menschen, seinen kulturellen Mustern, seinen Gewohnheiten und Konditionierungen nicht ausgeliefert zu sein, sondern zurücktreten zu können, eine andere, eine höhere Position einzunehmen und sich von dort aus bewusst neu zu entscheiden.
Wie üben wir das? Nehmen wir einmal an, wir sitzen am Frühstückstisch, essen und sind in Gedanken im Büro, oder wo auch immer uns unsere Gedanken hinbringen. Unsere geistige Energie hat sich mit unserer Innenwelt verbunden, vielleicht sogar so weit, dass wir ganz in ihr verschwunden sind.
Die Praxis besteht nun darin, uns der Realität, in der wir sind, bewusst zu werden und unsere geistige Energie dorthin zu bringen. Es ist so, als wenn wir sie aus der Verirrung wieder zurückholen würden in die Bewusstheit. Realität heißt hier ganz einfach, dort, wo wir im Moment sind und was wir mit unseren Sinnen erfassen können.
Achtsamkeitspraxis ist unter diesem Aspekt gesehen ein „erden“, uns immer wieder liebevoll und dennoch klar aus unserer Innenwelt herauszubringen in die Realität, in das Bewusstsein. Es ist ein Sich-Zentrieren in das, was ich konkret tue und wo ich konkret bin. So, wie wir uns in der Meditation immer wieder zum Atem zurückbringen.
Aber das heißt nicht, dass wir damit diese Innenwelt wegdrängen oder überwinden wollen. Durch unsere Achtsamkeitspraxis wird sie für uns jetzt als das deutlich, was sie ist: eine Gedanken-Erinnerungs-Fantasiewelt.
Wir können zum Beispiel jetzt klar erkennen, was uns im Moment besetzt und uns vornehmen, falls es notwendig ist, uns zu einer anderen Zeit genauer damit auseinanderzusetzen und zum Frühstück zurückkommen.
Wenn wir gut im Hier und Jetzt verankert sind, ist uns bewusst, dass wir – durch irgendetwas ausgelöst – blitzartig in vergangene Bilder und Erinnerungen gebracht worden sind und damit verbundene Emotionen wachgerufen wurden, aus denen heraus wir sicherlich nur inadäquat handeln würden. Fest auf der „Plattform des Hier und Jetzt“ stehend, weitet sich der Blick, und wir können von dort aus die Situation, in der wir uns befinden, klar überblicken und sehen, welches Verhalten situationsgerecht ist und welches aus unserer verworrenen Innenwelt heraus gesteuert wird.
Das Bewusstsein, dass wir aus einer Konditionierung heraus handeln oder handeln wollen, ist der erste Schritt in die Freiheit! Die Tür öffnet sich für einen Spalt und wir ahnen, dass wir anders handeln können, dass wir Entscheidungsfreiheit haben.
Aber wenn als Grundlage für unser Denken und Verhalten nun nicht mehr unsere kulturellen Muster, unsere Gewohnheiten und Konditionierungen gelten sollen, auf was können wir uns dann beziehen? Wie können wir nun neu, bewusst, entscheiden, was es zu tun und was es zu lassen gilt? Und woher nehmen wir die Kraft, uns anders zu entscheiden, meistens gegen unsere spontanen Impulse?
Die klassische Antwort vor allem im Buddhismus ist eindeutig und klar: tue nichts, was Leid erzeugt.
Buddha unterweist seinen siebenjährigen Sohn Rahula darin mit folgenden Worten: „Du solltest deine Handlungen, deine Rede und deine Gedanken erst dann ausführen, wenn du sie wiederholt wie in einem Spiegel betrachtet hast. Du solltest dich immer fragen: bringt diese Handlung mir selbst oder anderen Schmerz und Leid? Ist sie unheilsam und hat sie schmerzhafte Folgen? Dann solltest du sie unterlassen. Wenn du jedoch erkennst, dass deine Handlung gute und angenehme Folgen für dich und andere bringt, dann solltest du sie ausführen.“
Da wird der weite, die Situation überblickende Geist vorausgesetzt und angewandt. Da steht die Richtung und die Kraft zur Entscheidung auf der unerschütterlichen und stets präsenten Absicht: ich möchte kein Leid erzeugen.
Für mich habe ich das so formuliert: ich möchte mit allen, mit denen ich in Kontakt komme, in Frieden und Harmonie zusammenleben und möchte ihnen stets mit Verständnis und Wohlwollen begegnen. Und dennoch werde ich oft – zu oft – von meinen Gewohnheiten, Konditionierungen und vor allem von meiner Ichbezogenheit überrollt. Diese Ichbezogenheit erlebe ich als eine spontane Verengung des Blickes, wie eine geistige Verkrampfung, die mich zum Mittelpunkt macht, sozusagen zum Maß der Dinge, und damit den anderen ausgrenzt, ihn nicht sieht und damit als Mensch herabsetzt und verletzt.
Was können wir tun, damit unser Blick immer offen und weich bleibt und die anderen mit einbezieht?
Wir müssen unserer Praxis von sati ganz wichtige Aspekte hinzufügen.
Ja, wir üben uns zunächst darin, ganz da zu sein, ganz bewusst bei einer Sache zu sein. Wenn ich zum Beispiel mei-ne Schuhe zuschnüre, denke ich an nichts anderes, bin nur ganz in dem Moment. Da schwingt so etwas Sachliches, Kühles, Feststellendes mit. Es entsteht ein Abstand. Ins italienische wird sati mit „consapevolezza“, von „con sapere“, mit Wissen, übersetzt.
Und ins holländische mit „Aandacht“. Da schwingt eine zarte, ja liebevolle Hinwendung mit, auf die ich hinweisen möchte und die mir wichtig ist. Wenn ich mich bücke und meine Schuhe zuschnüre, kann, ja sollte, mehr entstehen als nur Bewusstheit, nämlich eine fürsorgliche, liebevolle Hinwendung, eine Beziehung zwischen mir und meinen Schuhen. Wenn ich meine Jacke anziehe, dann sollte ich auch spüren, wie ich sie anziehe. Dadurch entsteht Beziehung und damit auch Respekt und Fürsorge.
So können wir auch das Wort „achtsam“ – die deutsche Übersetzung von sati – benutzen als behutsam, respektvoll, sorgsam, liebevoll. Dann haben wir sati einen Aspekt hinzugefügt: wir sind nicht nur bewusst, dass wir es tun, sondern auch, wie wir es tun, nämlich mit Andacht, achtsam. Wenn wir das immer wieder praktizieren: so die Tasse aufzusetzen, das Buch abzulegen, das Handtuch aufzuhängen, unsere Kleidung zu ordnen, dann, ganz sanft und wie von selbst, weitet sich unser Blick und das andere tritt in den Vordergrund. Die Wichtigkeit verschiebt sich von uns zum anderen hin.
Und dann, eines Tages, verändert sich unsere Beziehung zur Welt und zum anderen. Bisher schauen wir auf alles aus unserer Perspektive heraus, ordnen es ein, ob es für uns gut oder schlecht ist. Dann ist es so, als wenn wir herüber reichen würden, als wenn nicht wir die Dinge sehen würden, sondern als wenn sie zu uns sprächen.
Dann öffnet sich die Tür zur Empathie.
Mich hat in den letzten Wochen in diesem Prozess des Herüber-reichens ein Gedicht von Hilde Domin begleitet, welches ich zum Abschluss mit euch teilen möchte:
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.