Frei sein von Angst – Emotionen sind unsere Chance
Von Karl Riedl
Angst ist die Körperreaktion auf eine entweder reale oder eine nur vorgestellte Bedrohung unseres Lebens. Bereits über die Körperreaktion können wir bestimmte Erregungsniveaus reduzieren. Doch wir wollen im Folgenden den Geist betrachten. Wie schaut sich der Geist die Realität an, wie lebt er in dieser Welt, was macht er aus dieser Welt, und wie entsteht dadurch alles?
Die Lehre des Buddha ist in dieser Beziehung ziemlich schlicht. Es heißt, dass alles nur eine Frage des Egos sei. Solange wir an ein eigenständiges Selbst glauben, sind wir auch dabei, dieses eigenständige Selbst zu verteidigen, und damit stehen wir immer in der Angst. Da dieses eigenständige Selbst jedoch eine Illusion ist, scheint die Sache ganz einfach zu sein: Wir lösen die Illusion auf, dann ist die Angst weg.
So einfach? Vielleicht nicht für alle. Beginnen wir deshalb mit einem anderen Ansatz des Buddha. „Wo immer Angst entsteht, es entsteht im Narren, nicht im Weisen.“ Buddha sagt damit ganz simpel: „Angst zu haben ist dumm.“ Das gibt uns immerhin eine gewisse Hoffnung. Wir brauchen nur ein bisschen weiser werden, und schon geht es uns besser.
How to play the game?
Diese Botschaft hat mich auf den Weg gebracht hat. Als ich das erste Mal vor Baghwan (Osho Shri Rajneesh) saß, hörte ich ihn sagen: „Do you suffer? Then you don’t know, how to play the game. Leidest du? Dann weißt du nur nicht, wie man das Spiel spielt.“
Das hat mich so tief getroffen, dass ich mir gesagt habe: „Der Mann weiß etwas, was ich nicht weiß. Der scheint einen Trick gefunden zu haben. Irgendwo gibt es da Spielregeln, gegen die ich verstoße. Irgendwo tue ich etwas, mit dem ich etwas kreiere, mit dem ich hinterher dann nicht umgehen kann.“
An diese Grundaussage sollten wir uns gewöhnen. Immer wenn wir in emotionale Situationen kommen, in denen wir Wut, Ärger, Eifersucht, Neid, Angst, Leiden verspüren, „wissen wir einfach nur nicht, wie wir das Spiel spielen“. Es braucht eine Zeit, dies zu akzeptieren: „Offensichtlich bin ich ein Narr. Offensichtlich mache ich etwas falsch.“
Wenn wir das beherzigen, wenn wir uns das eingestehen, dann können wir dem, was wir Angst, Ärger, Wut nennen, all diesen Emotionen, anders gegenüberstehen: nämlich offen, sie willkommen heißend. Denn nur dadurch, dass sie eintreten, bekomme ich überhaupt mit, dass ich ein Narr bin. Sonst wüsste ich es nicht.
Das, was in unserem Geist ist, das, was da an Möglichkeiten zur Verfügung steht, entsteht immer nur in Beziehung zu einer Umgebung und ich erkenne es nur durch meine Reaktion. Niemand von uns kennt seinen Geist. Nur durch mein Verhalten, durch meine Reaktion bekomme ich mit: „Ah, das sind offensichtlich meine Gedanken, meine Einstellungen, meine Hoffnungen und Ähnliches mehr.“ Das ist der Geist.
Was wir Geist nennen, ist ein Oberbegriff für Ideen, Vorstellungen, Annahmen, Erinnerungen usw. Den Geist als solches gibt es nicht, er ist ein Gedankenkomplex. Wir sind jedoch so materialistisch geprägt, dass wir glauben, er sei wie eine Tasse, die ich aus dem Schrank nehmen und die ich in der Meditation neben mich stellen kann. Doch der Geist ist Ausdruck einer Geistesbewegung. Wenn ich wissen will, was in meinem Geist passiert, kann ich das nur, indem ich beobachte, wie er reagiert.
Andersherum gesagt: Ich denke, ich sei einer Situation gegenüber gefeit. Das habe ich schon lange im Griff. Und dann kommt sie zur Tür herein, und alles ist vorbei. Offenbar war die Umgebung nicht da, der Reiz war nicht da, und deshalb wusste ich nicht, dass das noch in meinem Geist ist oder überhaupt in meinem Geist ist. Wir sollten deshalb sehr vorsichtig sein zu sagen: „Das kann mir nicht passieren.“ Ich war vielleicht nur geschickt genug oder so begnadet, nicht in der entsprechenden Situation gewesen zu sein. Dieser einfache Gedankengang gibt uns viel Bescheidenheit.
Die ist, weil jenes ist
Die Art, wie ich heute bin, ist eine Frage der Bedingungen, der Umgebung, in die ich hineingeboren wurde. Eines der tiefsten Gedichte von Thay heißt: „Nenne mich bei meinen wahren Namen.“ Er macht uns klar: Wenn du als kleiner Junge in einer Familie von Piraten groß geworden wärst, wärst du mit größter Wahrscheinlichkeit auch Pirat geworden und wärst heute jemand, der raubt und Gewalt anwendet. Dies ist, weil jenes ist.
In einem ganz praktischen, sachlichen und positiven Aspekt heißt das: Wenn ich Angst habe, ist das eine ganz große Chance zu sehen: Was ist es eigentlich? Was kann ich da nicht? Wovor habe ich Angst? Was ist auf meinem Geist? Wie kann ich mich damit auseinandersetzen? Was ist da passiert?
Die meisten Menschen laufen vor ihren Emotionen davon. Wir schauen sie uns an.
Das heißt nicht, dass wir sagen: „Mein Gott, ist das toll, so wütend zu sein oder Angst zu haben.“ Wir laden die Emotionen nicht ein, das brauchen wir nicht, sie kommen schon von selbst. Aber dann schauen wir sie uns an. Mit einem ganz klaren, offenen Blick: „Hallo, wer bist du denn? Ah, da bist du ja. Jetzt bist du mir schon so oft über den Weg gelaufen, jetzt setz‘ dich mal hin. Wie machen wir beide das eigentlich? Was machen wir denn so kurios und immer wieder falsch, dass du hier immer wieder sitzt? Ist das nicht eigentlich albern?“
Dann sagt die Angst wahrscheinlich: „Weißt du, ich hab‘ da langsam auch keine Lust mehr dazu. Aber du holst mich ja ständig, ich würde auch viel lieber zu Hause bleiben.“
Nicht weglaufen. Stehen bleiben. Es positiv sehen. Wir können von all diesen starken Emotionen lernen. Und wir müssen lernen, sonst kommt die Emotion wieder, weil der Mechanismus bleibt, und sie kommt so lange wieder, bis wir entweder kaputt sind oder wirklich beginnen hinzuschauen. Also warum nicht gleich hinschauen?
Thay würde sagen: „Umarme deine Angst.“
Dieses Umarmen heißt, sie einfach zu halten. Nicht im Sinne von festhalten. Sondern wie eine Mutter, die ihr Baby in die Arme nimmt, wenn es schreit. Sie unterliegt nicht dem panischen Impuls, etwas tun zu müssen, die Windeln zu wechseln, wenn sie noch trocken sind. So zu handeln ist gar nicht so einfach. Das kann ich nur, wenn ich im Moment zurücktrete, mich herausnehme aus dem Impuls, zu handeln, zu manipulieren, wegzulaufen, es nicht haben zu wollen … Dann entsteht in uns eine tiefe intuitive Weisheit.
Immer wenn uns das gelungen ist in einer Situation, wenn wir nicht weggelaufen sind, nicht spontan manipuliert haben, sondern zurückgetreten sind, wussten wir plötzlich, was anliegt, was zu tun ist. Das ist meistens etwas völlig anderes als das, was du normalerweise tust. Und es kommen völlig neue Ideen: Das müsste man machen. Und wenn uns hinterher jemand fragt, wie wir darauf gekommen sind, müssen wir ehrlicherweise sagen: „Das weiß ich nicht.“
Wir können stolz sein auf unsere Intuition und Vertrauen gewinnen in unsere angeborene Weisheit. Dazu brauchen wir keine Bücher, sondern nur dieses Stehenbleiben, dieses Halten und Warten. Ich muss mir die Zeit, den Raum geben und warten, bis die Intuition, die Wachheit kommt, und dann tue ich das Richtige.
Es gibt so viele Situationen, in denen ich zunächst nichts tue. Und so viele Fragen, die ich zunächst nicht beantworte. Ich könnte sie beantworten mit etwas Angelerntem. Doch damit wiederhole ich nur, und ich möchte mir die Chance geben, es neu, es anders zu machen. Frisch zu machen, aus einer intuitiven Weisheit heraus.
Diese Chance müssen wir uns geben. Und diese Chance haben wir, ich weiß nicht wie oft am Tag. Diese großen starken Emotionen sind unsere Chance.
Vorstellungen führen ins Leiden
Wenn der Buddha sagt, Angst entstehe nur im Narren, nicht im Weisen, dann meint er damit, dass wir Narren eine Vorstellung in die Realität bringen und dann davor Angst haben, dass das auch funktioniert. Er macht drei Gedankengänge auf, die jeder für sich nachprüfen kann.
Der Erste heißt: „Ich habe eine Vorstellung davon, was ich brauche, was mir guttun würde, was ich gern hätte.“ Und dann habe ich natürlich Angst, ob ich das auch tatsächlich bekomme und daraus erwächst das ganze Manipulieren, die Gier etc.
Das zweite ist: „Ich habe etwas, hoffentlich wird mir das nicht genommen.“ Das beste Beispiel sind reiche Menschen im Westen, die zuerst in der Vorstellung leben, alles haben zu müssen, und wenn sie es dann haben, Angst haben, es zu verlieren.
Und dann haben wir noch die Vorstellung, wie etwas sein sollte, wie eine Situation sein sollte, wie wir sein sollten, wie ich sein sollte. Daraus entspringt das weite Feld des Perfektionismus und wir haben eine Riesenangst, dass es so wird oder nicht so wird, dass ich nicht so ideal bin und nicht so perfekt und dass die anderen das herausbekommen.
Das ist der Narr. Der Weise bringt diese Vorstellungen nicht in die Realität. Doch wir sind in dieser Vorstellungswelt und müssen uns damit ganz langsam und vorsichtig auseinandersetzen. Das ist ein sehr komplexes Gebiet.
Hier eine Geschichte von Mullah Nasrudin, dem weisen Narren. Er streute Brotkrumen ums Haus, und als man ihn fragte, was er da tue, sagte er: „Die Tiger fernhalten.“ Daraufhin sagte ein Mann: „Hier gibt es keine Tiger!“ Und Nasrudin antwortete: „Tja, eben, das Mittel wirkt.“ Genauso verhalten wir uns oft.
Unser Tun hat eine Auswirkung
Der erste urbuddhistische Ansatz heißt: „Bist du dir im Klaren, was du da eigentlich tust? Bist du dir bewusst, was das für Folgen hat? Sind diese Folgen etwas, was du möchtest? Sind diese Folgen heilsam? Sind sie nährend für andere und für dich? Oder tust du etwas, was Leiden erzeugt, was dich in Angst und Schrecken versetzt? Und warum tust du es dann? Das ist eine ungemein herausfordernde Frage, die wir nicht gern hören. Das, was wir tun, hat eine Auswirkung, auf die anderen und auf uns.
Buddha hatte einen Sohn, Rahula, der mit sechzehn Jahren Novize wurde. Es wird gesagt, dass er so aufgeweckt war, dass er nach drei Jahren erleuchtet gewesen sei.
In der ersten Lehrrede, die der Buddha seinem Sohn hielt, weil dieser gelogen hatte, sagte er, dass ein Geist, der die Willigkeit hat zu lügen, zu allem Bösen fähig sei. Er hat ihn nicht bestraft, sondern ihm gezeigt, dass das, was er tut, Konsequenzen hat. In dieser Tradition stehen heute noch die Novizen, vor allem im Zen.
Man kann nicht früh genug anfangen, sich bewusst zu sein, dass das Tun Auswirkungen sowohl für den anderen als auch für mich selbst hat. Ich kultiviere damit einen ganz bestimmten Geist. Das ist für die meisten von uns keine einfache Belehrung. Viele sind an einem bestimmten Punkt gefangen, nicht wissend, wie sie das erzeugen. Alle sitzen in diesem Käfig aus Angst und Befürchtungen und wissen nicht, wie sie da herauskommen können. Das ist keineswegs einfach. Das packt uns tief an unseren Wurzeln: „Warum tun wir das?“
Was wir immer tun können, ist kein großes Anti-Angst-Training, sondern ganz simpel ein Lebensmanagement, jeden Tag, in vielen Kleinigkeiten. Alle Geschichten, die wir von Angstpatienten lesen, verwirklichen wir im Kleinen täglich: vermeiden, ausweichen, lügen. Wir alle träumen davon, nicht ständig in dieser Alltagsangst zu hängen, irgendetwas zu schnell gesagt zu haben, irgendwo nicht ehrlich gewesen zu sein, nicht erwischt zu werden bei Kleinigkeiten, die unser Leben belasten. Das müssen wir mitbekommen, um uns anders entscheiden zu können.
Wir müssen deshalb zwei Dinge lernen: kurz stehenzubleiben, wenn ich etwas vorhabe, und mich zu fragen: „Kann ich überblicken, was ich in die Welt setzte?“ Und: „Bin ich bereit, die Konsequenzen auch zu tragen?“
Und das andere ist, mich den Tag über zu fragen, wie verhalte ich mich mit vielen Kleinigkeiten, die mich in schiefe Situationen bringen, die so unnötig sind. Und auch hinterher die Situation wieder in Ordnung zu bringen, vielleicht mit einem Satz wie: „Da war ich etwas unter Druck, das tut mir leid …“ Kein Vermeidungsverhalten, nicht die Straßenseite wechseln, keine Angst haben, dieser Person zu begegnen. Erledigt, so einfach ist das oft.
Wenn wir diese Verhaltensweisen üben, miteinander praktizieren, dann können wir auch anfangen, über Ängste zu sprechen. Wir müssen sie erkennen, beobachten und darüber nachdenken, wie wir geschickter mit unserem Leben umgehen können.